Verständnis für einander zu entwickeln und eine angemessene Sprache zu finden, ist für uns alle ein mühsamer Prozess. Am ehesten kann uns dieser Weg gelingen, wenn wir die Andersartigkeit des Wahrnehmens und Erlebens gegenseitig respektieren und ernst nehmen. Dazu gehören gerade das Aufdecken der Grenzen des eigenen Verstehens, das Preisgeben der eigenen Schwierigkeiten, wie das Klagen und Einklagen von eigenen Verletzungen und Kränkungen.
 
Psychosen sind individuelle Vorgänge. Die Psychose gibt es nicht, ebenso wenig den „Psychotiker“. Es gibt Menschen mit psychotischen Erfahrungen, die ganz unterschiedlich sind. Jede Psychose ist anders, wie jeder Mensch sich vom anderen unterscheidet. Ebenso vielfältig sind die Perspektiven, Wahrnehmungen und Wahrheiten von psychose-erfahrenen Menschen, von Angehörigen und Professionellen.
 
Menschen mit Psychosen verwirren und faszinieren durch die Originalität ihrer Gedankenflüge, durch die Ausdruckskraft ihrer Erlebniswelten, durch den Reichtum ihrer sprachlichen Bilder und die Grenzenlosigkeit ihres Verrückungsvermögens.

Begegnungen mit psychoseerfahrenen Menschen verschrecken und faszinieren, weil sie uns unweigerlich konfrontieren mit unseren eigenen emotionalen Abgründen, Gefährdungen und Energien.

Menschen mit Psychosen überfordern und faszinieren durch ihren unbesorgten Eigensinn, die Unbekümmertheit um ihre Existenz, durch ihre grandiose Selbstüberschätzung oder depressive Selbstabwertung, durch ihre "naiv-kindliche" wirkende Lebensplanung.

Psychoseerfahrene Menschen verstören und faszinieren durch die Radikalität, mit der sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen aufs Spiel setzen. Sie verstören die Selbstverständlichkeit kommunikativer Verbindungen. Im Extremfall brechen sie die sprachlichen Brücken ab und können - zeitweise - völlig verstummen.

Menschen mit Psychosen verärgern und faszinieren durch die Ablehnung jeder Konvention, durch das rücksichtslose Ausleben ihrer inneren Wirklichkeit und die Selbst-Bezogenheit ihrer Existenz.

Menschen mit Psychosen ängstigen und faszinieren durch das Infragestellen unserer Realitäts- und Wahrnehmungssicherheit.

Psychoseerfahrene Menschen fordern, überfordern und faszinieren durch rätselhafte Verwirrspiele, Offenheit und Direktheit, sowie Sensibilität und verblüffende Treffsicherheit im Erspüren von Konflikten.

Menschen mit Psychosen sind Prüfstein für unsere Authentizität, für unsere Selbstsicherheit und Gelassenheit, für die Anerkennung unserer blinden Flecke und für die Ehrlichkeit unserer Angebote.